Triage im Daily
Im Rettungsdienst sortiert niemand nach Lautstärke. Warum das im Daily trotzdem ständig passiert, und was dagegen hilft.

Bei einem Massenanfall von Verletzten gibt es einen Moment, der jedem im Rettungsdienst vertraut ist: Mehrere Menschen brauchen gleichzeitig Hilfe, und die erste Reaktion fast aller Ungeübten ist, zu dem zu gehen, der am lautesten ruft. Verständlich, und fast immer falsch. Wer ruft, atmet. Wer still liegt, ist oft der eigentliche Notfall.
Sichtung ist deshalb kein Bauchgefühl, sondern ein festes Schema. Wir arbeiten mit PRIOR, einem Vorsichtungsalgorithmus für den Rettungsdienst: Erst die eigene Sicherheit und lebensbedrohliche Blutungen, dann entlang des ABCDE-Schemas, Atemweg, Atmung, Kreislauf, Bewusstsein, Schmerz am Rumpf, ungeachtet davon, wer sich gerade bemerkbar macht. Ob jemand laufen kann, fragt das Schema erst ganz am Schluss, die letzte und schwächste Frage, nicht die erste. Die endgültige Sichtung, die eigentliche ärztliche Entscheidung, kommt erst danach.
Im Daily sehe ich dieselbe Fehlreaktion beinahe täglich, nur folgenloser. Wer im Standup am längsten redet oder am dringlichsten klingt, bekommt die Aufmerksamkeit des Teams, ganz gleich, ob sein Thema das Sprintziel tatsächlich gefährdet oder nur gerade am meisten nervt. Ein Ticket, das seit drei Tagen liegt, weil niemand es laut genug erwähnt, verliert gegen eine Kleinigkeit, über die sich jemand frisch geärgert hat.
Ein Schema statt eines Bauchgefühls
Übernommen habe ich aus der Vorsichtung nicht die Dringlichkeit selbst, die ist im Rettungsdienst eine andere als im Büro. Übernommen habe ich das Prinzip: vor dem Gespräch festlegen, wonach sortiert wird, statt während des Gesprächs zu entscheiden, wer sich am eindringlichsten meldet. Im Kanban-Vokabular heißt das Classes of Service, dieselbe Idee, mit der auch Rettungsfahrzeuge im Stau vorbeidürfen: feste, allen bekannte Regeln statt Verhandeln im Moment. Die drei Fragen dafür hat sich das Team selbst gegeben, in einer Retro, änderbar ist die Liste dort und nirgends sonst: Blockiert das etwas anderes? Wird es teurer, je länger es liegen bleibt? Kann nur eine Person das lösen, oder mehrere?
Die Reihenfolge steht vorher fest. Das Gespräch füllt sie nur, es verhandelt sie nicht neu.
Das klingt hart für ein Treffen, das eigentlich ein Austausch sein soll. Ist es auch, im guten Sinn: Es nimmt den Druck, sich Gehör verschaffen zu müssen, aus dem Meeting heraus. Wer weiß, dass die Reihenfolge nach Kriterium und nicht nach Lautstärke entschieden wird, muss das Wichtigste nicht mehr am dringlichsten vortragen. Das Ticket, das seit drei Tagen leise liegt, bekommt seinen Platz, ohne dass es jemand extra einfordern muss.
Links zum Thema
Herzliche Grüße aus Rheinhessen
Sebastian Schäfer
Führungskraft in der IT, agiler Denker, Fotograf
Weitergeben?
Wenn dir der Gedanke gefallen hat, teile ihn.